×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Menschliches Versagen

»Blade Runner 2049«

Regisseur Denis Villeneuve dreht nach »Arrival« den nächsten Science-Fiction-Film mit philosophischem Unterbau. Aber die Fortsetzung von Ridley Scotts 1980er-Jahre-Klassiker ist leider nicht gelungen.
Geschrieben am
Kann es möglich sein, dass »Blade Runner 2049« ein langweiliger Film geworden ist? Das Sequel eines stilbildenden Science-Fiction-Meisterwerks der Achtzigerjahre? Bei dem der Regisseur des Originals, Ridley Scott, als Produzent fungiert, während ein noch recht junger, aber umso hellerer Stern am Hollywood-Himmel, Denis Villeneuve, die Regie übernimmt? In der nächsten Variation einer Geschichte des bereits mehrfach sehr erfolgreich und imposant verfilmten Autors Philip K. Dick, dessen Kurzgeschichten gerade den Stoff für die mehrteilige Anthologie-Serie »Philip K. Dick`s Electric Dreams« liefern, die von »Breaking Bad«-Star Bryan Cranston mitproduziert wird?   

Ja, leider. Dabei hätte »Blade Runner 2049« auch ein cooler Film über die Bedeutung von Erinnerung für die menschliche Intelligenz und die Auswirkung der digitalen Datenspeicherung auf das kollektive Gedächtnis sein können. Und eine spannende Reflexion über das popkulturelle Gedächtnis, in das sich Scotts Cyberpunk-Verfilmung des 1968 erschienen Romans »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?« ja nun mal selbst eingebrannt hat. Denis Villeneuve, der vor der Pressevorführung die Journalisten via Botschaft auf der Leinwand darum bat, den Zuschauern keine Handlungsdetails zu verraten, scheint sich also einiges vorgenommen zu haben – alle Zutaten für kontemplatives Tarkowski-Kino sind vorhanden, dazu gibt es einen Plot, dessen Twists so sinnstiftend sind, dass er nicht ausgeplaudert werden darf. Irgendwie reizend wäre ja ein Film mit einem vollkommenen jungen Harrison-Ford-CGI-Replikanten in der Hauptrolle des Replikanten jagenden Blade Runners Rick Deckard, denkt man da noch – wir erinnern uns an Prinzessin Leias Auftritt in »Rogue One: A Star Wars Story« . Aber natürlich auch arg verspielt. Villeneuve geht die Geschichte verbissener an. Er sucht das Menschliche im Menschen – und konterkariert dies kaum mit der Besetzung von Ryan Gosling.  

Gosling ist wahrlich nicht als Meister des Grimassierens bekannt – und muss hier auch keine Miene verziehen. Zwar gibt es den alten Voight-Kampff-Test, durch den gefährliche Nexus-Modelle von echten Menschen unterschieden werden, nur noch als Zitat aus dem ersten »Blade Runner«-Film. Die Technik ist vorangeschritten. Doch eine Reise in die jüngere Geschichte des kaputten L.A. der Zukunft wirft für den Gosling-Charakter K ganz neue und wesentliche Fragen auf. Da macht sein natürliches Pokerface die Sache nur spannender. Visuell ist »Blade Runner 2049« ein Trip für Freunde des THC und anderer Augenöffner, da bleibt man der Nähe zu William Burroughs treu, aus dessen Werk Ridley Scott einst den Titel seines Films entlehnte. Ein retrofuturistisches »Mad Max«-Szenario, eine Welt nach dem ökologischen Bankrott und einem katastrophalen Datenverlust. Wie »Das fünfte Element« ohne Farbe und mit deutlich weniger Flugverkehr in den düsteren Schluchten der Großstadt. Vor dieser phantastischen Kulisse erzählt Villeneuve zunächst eine veritable Science-Fiction-Noir-Story. Die bleibt so lange packend, bis der Regisseur sich auf den Drehbuch-Seiten plötzlich nicht mehr weiterbewegt – und dafür in den Kulissen schwelgt, wobei er seine Grundidee totreitet und gedanklich nicht weiter kommt.
 

Natürlich hüpft dann Harrison Ford/Rick Deckard aus seinem Versteck. Das ist zum Glück nicht die Pointe des Films. Sonst hätten wir an dieser Stelle schon zu viel verraten. Vom popkulturellen Gedächtnis bleiben neben dem Selbstzitat Elvis und Sinatra, von der Gesellschaftskritik ein etwas überraschend auftauchender Aufruf zur Revolution. Schließlich läuft»Blade Runner 2049« auf ein eher moralisches Ende hinaus. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn der durchgehend nervige Retro-Score und die fehlende Spannung in der letzten Stunde vor dem lahmen Showdown einem nicht schon längst das Hirn zermürbt hätten. Und falls das nicht gereicht hat, dann muss man Jared Letos völlig überflüssige Zwischenauftritte hervorheben.  Liebe Tyrell Corporation (soviel Zitat im Blut der in den 1980er Jahren sozialisierten Rezensentin muss sein): Es wird Zeit für ein neues Denis Villeneuve-Modell. Und bitte eins, dessen Filme nicht nur gut aussehen, sondern die einen auch daran erinnern, warum Menschen eigentlich gerne ins Kino gehen.