×
×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

»Schluss mit Lustig – Aktuelle Satire aus der Türkei«

Satire in Zeiten der Repression

Die Wahl-Istanbulerin Sabine Küper-Büsch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der türkischen Satire und leitet in ihrem neuen Buch »Schluss mit Lustig« und der dazugehörigen Ausstellung in Kassel auf spannende Weise durch den Dschungel karikierter türkischer Innenpolitik.
Geschrieben am

Interview:
Sermin Usta

Frau Küper-Büsch, seit 1992 leben Sie in Istanbul. Haben Sie aufgrund der innenpolitischen Situation in den letzten Jahre mal daran gedacht, zurück nach Berlin zu ziehen?
Nein. Ich sag immer: Solange sie uns nicht rauswerfen, bleiben wir. Auch wenn viele Ausländer bereits weggezogen sind, versuchen wir weiterhin die Stellung zu halten.

Sie beschäftigen sich schon viele Jahre mit türkischer Satire. Wie steht es damit zur Zeit?
Nun, in der gesamten Geschichte der Türkei sind das die dunkelsten Zeiten für die Satire. Seit den 1970er Jahren hatten die satirischen Blätter eine große Unabhängigkeit. Bis heute sind es die einzigen Medien, die ohne Werbung erscheinen. Bis vor zehn Jahren wurden von den drei größten Zeitschriften des Landes wöchentlich jeweils 100.000 Ausgaben gedruckt. Selbst die Titanic- und Eulenspiegel-Kollegen waren immer baff, wenn sie diese Zahlen hörten. Nur leider ist die Medienlandschaft mittlerweile in einer echten Krise. Auch weil die AKP-nahen Holdings die Verlage aufkaufen oder die Regierung Medien auf Linie bringt oder gar schließt. Unter der Bedingung des Ausnahmezustandes kann man leider nichts dagegen unternehmen. Für die Cartoonisten bedeutet das, sie werden zahmer, verstecken manche Inhalte tief im Heft und sind die meiste Zeit ängstlich. Dazu kommt, das die progressive Leserschaft im Internet liest, was die Satiriker nochmal härter trifft. Früher ging man los und kaufte eine Tageszeitung und drei Satireblätter, auch weil die Hefte umgerechnet nur 50 Cent kosteten.

War das der Grund für die Schließung des Penguen Magazins?
Richtig, das hatte wirtschaftliche Gründe, auch wenn es eine Vorgeschichte gab. Vor ein paar Jahren gab es einen Brandanschlag auf die Redaktion, weil Bahadır Baruter einen Moschee-Raum gezeichnet hat, in dem an der Wand »Es gibt keinen Gott und die Religion ist eine Lüge« geschrieben stand. Dieser Satz wurde als totale Blasphemie interpretiert und war sozusagen der Anfang vom Ende von Penguen. Seitdem hat Bahadır die Karikaturen aufgegeben und arbeitet nur noch künstlerisch. Zwei seiner aktuellsten Arbeiten, zwei sehr düstere schwarz-weiss Zeichnungen, findet man auch im Buch.

Ihr erstes Buch »Die Nase des Sultans – Karikaturen aus der Türkei« (2008) gilt als Basislektüre, wenn man mehr über die zeichnerischen Satire des Landes erfahren möchte. Was hat Sie damals bewegt, sich erstmals mit dem Thema zu beschäftigen?
Zu der Zeit war der Streit um die Mohammed-Karikaturen vehement. Besonders die europäische Diskussion zwischen Titanic und Charlie Hebdo wurde sehr polemisch geführt. Dadurch kam bei mir und meinem Mann der Wunsch nach einer aufklärerischen Auseinandersetzung auf. Es fehlte zu dem Zeitpunkt ganz einfach die Literatur, die sich zweisprachig und eher wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzte. Mir war hierbei besonders wichtig, dass dem Leser klar wird, dass sich Europa und die Türkei stets beeinflusst haben. Schließlich sind die ersten Karikaturen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstanden. Von dort aus erreichten sie irgendwann England und Deutschland, bis die ersten Zeichnungen im osmanischen Reich Anklang fanden. Dazu kamen die Leute, die im Ausland studierten und auf diese Weise Bücher nach Konstantinopel brachten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren schon mehrere osmanische Karikaturen, mit meist kaligraphischer Ästhetik, im Umlauf. Sehr beliebt und damals auch verboten waren die Nasenzeichnungen von Sultan Abdülhamid II. (1842–1918), dessen Empfindlichkeit mit der Erdoğans vergleichbar ist. Bei Abdülhamid war es die Darstellung seiner Nase, bei Erdoğan fing es mit den Tierzeichnungen an.

Gab es bereits Zeiten, in denen Karikaturisten und Cartoonisten verfolgt wurden?
Immer wieder, vor allem zu Zeiten politischer Umbrüche. 1948 wurde Sabahattin Ali auf dem Weg ins bulgarische Exil ermordet, vermutlich vom türkischen Geheimdienst. Gemeinsam mit Aziz Nesin war er Herausgeber der Zeitschrift Marko Paşa, die regelmäßig unter wechselndem Namen herausgebracht wurde und sich über den oligarchischen Militarismus der Einparteienherrschaft der CHP (Republikanische Volkspartei) lustig machte. Und natürlich zu Zeiten der Militärputsche zwischen 1960 und1980, als fast alle Medien Ziel von Verfolgung wurden. Trotzdem sind sich alle einig, dass es noch nie so schlimm war, wie heute.
Ich muss gestehen, obwohl die Türkei auf eine lange Satiretradition zurückblicken kann, kommt es mir noch immer so vor, als wäre vielen die gesellschaftliche Bedeutung und die Funktion von Satire nicht bewusst. Wie sehen Sie das? 
Das kann ich nicht bestätigen. In der Türkei galt Satire stets als das aufmüpfigste Element, gerade in Krisenzeiten. Immer wieder haben es die Satiriker vermocht, sehr allegorisch und metaphorisch zu sein und Comic-Gestalten zu erfinden, die sich noch heute großer Beliebtheit erfreuen. So wie Nasreddin Hoca oder zeitgenössisches wie »Das böse Mädchen« von Ramize Erer oder die »Wilden Rosen« von Feyhan Güver. Heute mögen die Hefte vielleicht in einer Krise stecken, aber das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil: Über Jahrzehnte wurden sie wöchentlich millionenfach gelesen und in den Familien oder in den Vierteln weitergegeben. Sie haben einen gewissen therapeutischen Effekt. Gerade in Gesellschaften, die sehr patriarchalisch definiert sind, braucht es eine Kritikform, die nicht zu direkt ist. Gleichzeitig aber eine gewisse Ethik vermittelt. Das ist der Grund, weshalb man vielleicht einzelne Cartoonisten einschüchtern, aber die Szene nicht weg zensieren kann.

Im Gegensatz zu anderen haben Sie eine Langzeitperspektive auf das Land. Schätzen Sie die Situation ähnlich ein?
 
Als Erdoğan Bürgermeister von Istanbul war, arbeitete ich gerade als Produzentin im ARD-Studio. Auf diese Weise habe ich den kompletten Aufstieg der islamisch-konservativen Bewegung mitbekommen. Erdoğan galt zu Gründungszeiten der AKP ganz klar als Reformpolitiker. Erst als die Partei ihre Macht gefestigt hatte, wurde die Restaurierungsphase losgetreten. Ich erinnere mich noch daran, wie die Türkei 2008 Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse war und ein normaler Dialog stattfand. Bald darauf wurden auch schon breitflächig Kulturgüter, die für die kemalistische Elite und die westliche Kultur standen, kaputt gemacht. Der Abriss des ältesten Programmkino der Stadt war sozusagen die Vorbereitung auf die Gezi-Proteste von 2009.

Kommt es häufig zu Solidaritätsmärschen oder anderen Solidaritätsbekundungen, um die inhaftierten Cartoonisten freizubekommen? 
Mich erreichte erst vor ein paar Tagen ein Solidaritätsaufruf türkischer Cartoonisten, die möchten, dass die ausländische Presse zum Prozessbeginn von Musa Kart am 24. Juli nach Istanbul kommt. Kart war Hauptzeichner bei der Tageszeitung Cumhuriyet. Er wurde als einer der ersten für eine Tierdarstellung Erdoğans angeklagt.

Wie viele Ihrer Kollegen und Freunde sitzen aktuell wegen ihrer Zeichnungen in Haft? 
160 Kollegen und einige Freunde, deren Namen ich nicht nennen möchte.

Ich habe das Gefühl, dass viele der Inhaftierungen erst durch diverse Shitstorms ausgelöst wurden. Inwiefern haben die sozialen Medien Einfluss auf die politische Lage?  
Das Internet ist ein wahnsinniger Multiplikator, gerade in der Türkei. Shitstorms, die bis zu juristischen Konsequenzen für Opfern von Internet-Bashings führen. Es wurden bereits mehrfach gerade auch Künstler Opfer von Shitstorms aufgrund ihrer Tweets. Über Hashtags wurden Leute fertiggemacht, weil sie Gedichte zitiert haben.

Wachsen unter diesen Bedingungen überhaupt Nachwuchs-Cartoonisten heran? 
Interessanter Weise boomt die junge Szene gerade. Es gibt wie immer einen harten Kern der Unbeugsamen. Vor allem Superhelden-Comics sind auf dem Vormarsch. Viele von ihnen sind meine Lieblinge und deshalb auch stark im Buch vertreten. Bahadır Boysal oder Ersin Karabulut etwa. Beide Zeichner sind mittlerweile auch international erfolgreich. Vor allem in den USA, Frankreich und Belgien werden gerade viele junge türkische Zeichner verlegt.
Stimmen Sie Kurt Tucholskys berühmtem Satz zu, wonach die Satire alles darf?
Durchaus, aber ich unterscheide auch zwischen Satire und Propaganda. Satire darf für mich alles, aber wenn sie sich zum Instrumentarium platter Machtpolitik machen lässt, ist sie meiner Meinung nach keine Satire mehr.

Sie haben auch Arbeiten in ihrem Buch, für die die jeweiligen Zeichner im Augenblick in Haft sitzen. Haben sie manchmal Angst vor möglichen Konsequenzen? 
 
Ich polemisiere nicht, sondern konfrontiere die schräge Welt der Zeichnungen mit komplexen Hintergründen. Ich habe mich diesmal gewundert, dass ich mir in Interviews den Mund fusselig geredet habe, was die Bandbreite der Arbeiten betrifft. Viele Journalisten formulierten dann Schlagzeilen, die grundsätzlich Erdoğan zur Hauptperson stilisierten – auch wenn die Beiträge sehr viel differenzierter waren. Das finde ich manisch und es suggeriert ein Erdoğanbashing, das überhaupt nicht Ziel oder Leitmotiv der Ausstellung oder des Buches ist. Es geht hier um ein ganzes System von tradiertem chronischen Machtmissbrauch und darum, wie die Künstler damit umgehen. Das tolle ist: Keiner der Zeichner hat gezögert mitzumachen, wir haben lediglich zusammen überlegt, wie die hellen, aber kritischen Arbeiten vermittelt werden können. Aufklärerisch vorzugehen ist erfahrungsgemäß der beste Ansatz.

Im Buch ist von so 
genannten Codes die Rede. Gibt es Möglichkeiten der Zensur zu entgehen? 
In der Geschichte der Karikaturen haben sich die Codes immer an den jeweilige Narrativen der Machthaber orientiert. Das kemalistische Militär duldete lange die Artikulation der Kurdenfrage nicht, also wurden Geschichten von Vorstadtkindern gezeichnet, die die Problematik mit einschlossen.

Es gibt aber auch Comic-Figuren, die wegen ihres Kultstatus von der Zensur ausgeschlossen sind.  
Das ist ein sehr interessanter Punkt, den ich auch im Buch versuche zu erklären. Vor dem Referendum war jede Form der plakativen Nein-Positionierung geahndet. Dennoch haben sich zwei der bekanntesten Cartoon-Hefte mit ihren Kultfiguren auf dem Titel dagegen ausgesprochen. Viel harmlosere Zeichnungen hingegen haben am Montag darauf ein Ermittlungsverfahren überstellt bekommen. Wovor viele Redaktionen im Augenblick Angst haben, sind hohe Geldstrafen, die man nicht zahlen könnte.

Gibt es ein aktuelles Beispiel?
Ein Beispiel wäre die Satirezeitschrift Uykusuz, die vor dem Referendum ein total harmloses Cover gedruckt hatte. Auf dem Titel sah man zwei Schafe vor dem Fernseher sitzen, die einer TV-Rede Erdoğans lauschten. In der Sprechblase stand geschrieben: »Wir lassen nicht zu, das du uns führst.« Tatsächlich gibt es eine bekannte Rede von ihm, in der er sich selbst als Hirten bezeichnet. Am Montag darauf wurden der Uykusuz-Redaktion zwei Ermittlungsverfahren zugestellt. Wohingegen Magazine wie LeMan, die viele Kultfiguren hervorgebracht haben und viel aggressiver vorgehen, unbehelligt sind. Diese lokalen Charaktere haben etwas sehr volksnahes, was die Regierung wiederum gut findet.

Eines der Kapitel im Buch widmet sich der Verklärung des Osmanischen Reiches. Wie kommt es, dass diese Zeit heute einen so großen Anklang findet? 
Die islamisch-konservative Regierung benutzt sie immer wieder als Referenz und fördert großzügig Kulturproduktionen. Filme über Fatih den Eroberer etwa. Der ist in der islamisch-konservativen Bewegung eine Art Popstar. Schon in den 1990er Jahren wurden Festivals zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen inszeniert, damals allerdings in einem kleiner Rahmen, meist in einem Fussballstadion. Heute hat sich der Rahmen verändert und die türkische Regierung finanziert Filme großzügig, die die eigene osmanische Geschichte heroisieren.

Was wünschen sie sich von den Besuchern ihre Ausstellung und den Lesern ihres Buches?
 
Dass sie sich die Ausstellung und das Buch in Ruhe anschauen und auf Entdeckungsreise gehen. Ich möchte vor allem zeigen, dass es in der Türkei kein schwarz-weiss gibt. Stattdessen sind die Arbeiten dieser Zeichner bunt, kariert, getupft  und vor allem durchgeknallt.