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»I can’t believe I still have to protest this shit«

Euer Frauenspecial könnt ihr behalten

Sobald jemand in einer Redaktion, in einer Booking-Agentur oder sonst wo merkt, dass man wieder zu wenige Geschichten über Frauen erzählt oder zu wenige Musikerinnen eingeladen hat oder dass wieder nur Männer in einer Talk-Runde gesessen sind, holt irgendwer die Geheimwaffe raus: Ein Frauenspecial. Es reicht, findet Julia Brummert.
Geschrieben am
Ihr kennt das Spiel: Da nehmen Menschen die Poster der großen Festivals und streichen alle Bands mit weiblichem Mitglied und schwupps, ist auf einmal nix mehr los auf dem Plakat. Eine Band zu buchen, nur weil sie weiblich besetzt ist, ist nicht der richtige Weg, von vorneherein aber ein wenig mehr Fingerspitzengefühl zu haben, aber vielleicht schon. Andere Festivals wiederum laden dann nur Frauen ein. Das Booking mag gut sein und vor allem mag es die Frauen sichtbar machen, am Ende stellt es sie aber auch in die Frauenecke. Genau aus der sollten wir aber endlich mal raus, nicht nur bei Festivals.

Ein recht aktuelles Beispiel ist die vergangene Ausgabe des Magazins MINT. Es ist ein recht nerdiges Magazin über Schallplatten, dahinter stecken die Kollegen von Visions. Die haben neulich ein Frauen-Special gemacht. »Frauen und Vinyl« so der wenig originelle Titel, beschäftigt sich über mehrere Seiten mit Frauen, die Schallplatten mögen oder Geld mit ihnen verdienen. Die meisten davon sind interessante Persönlichkeiten, deren herausragendstes Merkmal sicherlich nicht die Tatsache ist, dass sie eine Frau sind. Statt sie einfach so im Heft, und ich meine in jeder Ausgabe, stattfinden zu lassen, werden sie in eine Ecke gestellt. Guckt mal, hier ist euer Special. Die Interviews haben übrigens ausschließlich Männer geführt – just sayin’.
Diese Idee ist meist der einfache Lösungsweg, wenn mal wieder irgendwem aufgefallen ist, dass keine Frau zu hören, zu lesen oder zu sehen war. Aber genau da liegt das Problem: So etwas sollte einfach nicht passieren. Wir haben 2017, es kann doch wohl nicht wahr sein, dass ihr wirklich vergesst, Frauen einzuladen? Und dass ihr dann eine Spezialausgabe oder ein Spezialfestival oder eine Spezialkategorie bei einer Preisverleihung hinterher schieben müsst, in der Frauen dann auch mal Platz bekommen und danach können alle aufatmen und immer wieder sagen: »Wieso, wir haben euch doch reden lassen!« Ja, wie gesagt, in der Frauenecke. Das ist, wie bei einer Familienfeier an den Kindertisch gesetzt zu werden, obwohl man längst erwachsen ist. Aber vor allem ist es scheinheiliger Scheiß, der uns Frauen mit angeblich abgefahrenen Vorlieben, Hobbies und Berufen – »Huch, die lesen Comics! Huch, die hören ihre Musik gern auf Vinyl! Huch, die spielen ja Schlagzeug!« – nicht für unsere Talente und Leidenschaften schätzt, sondern nur, weil wir zufällig als Frau sozialisiert wurden.

Die eigentlich wunderbare Gemeinschaft »Hey Ladies!« hat, schon wieder Vinyl, das ärgerliche Werbe-Video zum Record Store Day nachgedreht. Im Original waren nur Männer zu sehen, in der »Hey Ladies!«-Fassung dann nur Frauen. Und schon wieder ist das eine nette Idee, die aber das Problem nicht löst. Ich wünsche mir, dass unsere Geschichten selbstverständlich erzählt werden, nicht erst irgendwann in einem Special. Ich will keine Ladies Night im Kino mit Sekt und RomCom, ich will keine reine Frauenrunde auf einem Podium. Ich will, dass Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander reden können! Es sollte gar nicht erst so weit kommen müssen, dass Frauen sichere Räume oder gar eine Spezialausgabe brauchen, um zu Wort zu kommen und mitzureden. 

So weit sind wir an vielen Stellen noch nicht und ja, oft sind genau diese sicheren Räume notwendig, so traurig mich das auch Tag für Tag macht. Aber wir können ja zumindest aufhören, jede Frau, die in einer vermeintlichen »Männerdomäne« unterwegs ist, nur dann sprechen zu lassen, wenn gerade wieder ein Special ansteht. Ein kleiner Schritt, aber immerhin endlich wieder einer nach vorne. Die Energie, die wir uns bei dieser Diskussion dann sparen, können wir an anderer Stelle gut gebrauchen. Denn dies hier sind harte Zeiten für den Feminismus.