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Folge 9: Junggesellinnenabschied

Ich möchte Teil einer Bewegung sein #255

Das mit der Bewegung haben so ähnlich schon Tocotronic gesungen. Damit haben sie einen Impuls beschrieben, der die Popkultur am Leben hält. Auch unsere Kolumnistin Paula Irmschler kennt dieses Gefühl. Auf der Suche nach Halt und einer Peer-Group, die ihr ein Zuhause gibt, stolpert sie allerdings manchmal auch dahin, wo es wehtut. Diesmal mit ihren Biestern auf »letzter Streife«.
Geschrieben am
Was sind wir nur für eine erbärmliche Generation? Nachdem die Alten uns gezeigt haben, wie der ganze konservative Heterokram nicht funktioniert, gab es vor einigen Jahren den Turn zur Freiheit, yay. Offene Beziehungen, rumvögeln, mal gucken, Polyamorie, offen sein für alle Geschlechter, Bingewatching. Aber jede Revolution ist mit einem Backlash verbunden. Freie Liebe hat schon in den 60ern nur entlang der Hitparade funktioniert – heute folgt der Rückzug in die Langweile Teil 2. Immerhin mit hipperem Gewand. Es gibt zwar noch die traditionelle Nummer inklusive Romantiklüge, aber immer häufiger gewinnen rationale und sogar spaßige Rechtfertigungen. Meine Freundin Svenja [Name von der Redaktion radikal geändert] möchte aus rein pragmatischen Gründen heiraten. Mich kürt sie zur Trauzeugin. Also organisiere ich den Junggesellinnenabschied. Megawitzig, wir sind ja nicht so wie die anderen! 

Zur Inspiration lese ich »Die 570 besten Tipps für den JGA«. Darunter stehen Freundinnenvorschläge wie: Gönnt euch mal was, fahrt zum 500-Euro-Spa, geht im Borchardt Rinder essen, macht das Zeug mit den Fischen und den Füßen und dazu schön Champagner und »27 Dresses«. Schnell wird klar: Für uns kann es leider nur die Basics geben. Ich kaufe billige T-Shirt-Design-Ausfälle im Internet, ein hässliches Krönchen im KiK und den allerbilligsten Sekt. »Kalorien sind Tiere, die nachts die Kleidung enger nähen«, »Nudeln machen ist auch kochen« – ich denke nur noch in lustigen Sprüchen.

Der Junggesellinnenabschied ist der Fips Asmussen unter den Events. Ich lade in einer Facebook-Gruppe alle Frauen ein, die Svenja und ich kennen. Vier davon schreiben tatsächlich zurück. Am auserkorenen Samstag taucht keine von ihnen auf. Nicht mal Svenja. Egal, dann trinke ich mich eben schon mal warm. Ein kleiner Feigling auf Melli, ein kleiner Feigling auf Manu, ein kleiner Feigling auf Dani und ein großer kleiner Feigling auf Svenja (drei Stück). Nachdem ich alle ausgesoffen habe, werde ich so langsam sauer. In der Facebook-Gruppe frag ich: »hejjyb, ow bbleib ihr???« Darauf folgen Antworten wie: »Du hast das ernst gemeint?« Von Svenja nix. Ich hinterfrage mal wieder mein Leben. 

Ich packe den ganzen Party-Kram auf einen Bollerwagen, inklusive Lautsprecher-Boxen, und habe jetzt meinen eigenen Party-Express, meine Interpretation eines Bierbikes gen Svenja – Überraschung! Auf dem Weg verbrüdere ich mich mit den Atzen vom Kiosk, ich verteile free hugs für einen Euro und prügele mich mit dem Rosenverkäufer wegen Konkurrenz. 


In einer Spiegel-TV-Reportage hieß es mal, Junggesellinnenabschiede seien eine Art von Emanzipation. Die Interviewte Steffi sagte scherzhaft in die Kamera, dass sie nach der Hochzeit zwar Ehefrau und Mutter wird, dass Frauen heute aber trotzdem besser feiern können als Männer. Und dass Gleichberechtigung heißt, dass Frauen das Gleiche machen wie Männer: sich heftig einen reinstellen, quer über die Straße rülpsen, Leute für körperliche Nähe bezahlen und irgendwann das materialisierte Konglomerat aus Selbstscham und Identitätsmissverständnis auf den Asphalt erbrechen. 
Ich empfinde es also als emanzipatorischen Akt, dass ich irgendwann vor Svenjas Wohnung liege, während diese mit Björni ironisch »Let’s Dance« guckt, und »20 Zentimeter, nie im Leben kleiner Peter« trällere. Am nächsten Tag wache ich nicht nur mit fettem Schädel und Feiglingnase auf, sondern auch mit einer neuen Erkenntnis: Ein kleiner Schritt vor den Altar – ein großer Schritt für den Feminismus.