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Mein Back Up und ich

Posthumanismus in der Popkultur

Die Idee, mit den Mitteln des technischen Fortschrittes der Sterblichkeit zu entgehen, wird mehr und mehr zum popkulturellen Mythos. Für Kino, TV oder Videospiel dient das faszinierende Gedankenspiel als Vorlage für dekadenübergreifende Liebesgeschichten, philosophische Albträume oder dystopische Gesellschaftskritik. Philip Fassing hat Michael Graziano, Autor und Professor für Psychologie und Neurowissenschaften, gefragt, wie realistisch es ist, das eigene Ich vor dem drohenden Tod in die Cloud hochzuladen.
Geschrieben am
Achtung: Dieser Text enthält Spoiler zu der »Black Mirror«-Episode »San Junipero«, dem Computerspiel »Soma« und dem Film »Transcendence«

Glaubt man dem russischen Unternehmer Dmitry Itskov, dann ist die Frage nach der Unsterblichkeit nur noch eine Sache von wenigen Jahrzehnten. Schon seit geraumer Zeit proklamiert der junge Milliardär und Futurist öffentlichkeitswirksam die Überwindung der menschlichen Mortalität mit den Mitteln moderner Technik. Seine optimistische Prognose: Schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren soll das Gehirn samt Bewusstsein dank autonomer lebenserhaltender Systeme den eigenen Körper überdauern können. 20 Jahre später soll der Mensch durch die Möglichkeiten der Kybernetik gar zu einer ganz neuen Spezies werden, die mit dem herkömmlichen Homo sapiens nur noch den Geist gemein hat und sonst in Form von holografischen Avataren oder robotischen Körpern in Erscheinung tritt. Ein vermeintlicher Wendepunkt, um den Itskov ein ambitioniertes Forschungsprojekt hochgezogen hat: die »2045 Initiative«. Was wie wie der Plot eines Science-Fiction-Films klingt, kann tatsächlich auf zahlreiche prominente Unterstützer zählen – darunter auch Ray Kurzweil, die schillernde Ikone der Futuristen und ganz nebenbei auch technischer Leiter bei Google. Der Enthusiasmus ist nachvollziehbar – schließlich ist das Streben nach Unsterblichkeit so alt wie die Menschheit selbst und wird immer wieder durch neue technologische Meilensteine angefeuert. Dass sich diese Sehnsucht auch stark in der zeitgenössischen Science-Fiction wiederfindet, ist dementsprechend naheliegend, gilt das Genre doch schon per Definition als Projektionsfläche wissenschaftlichen Begehrens. Umso bezeichnender, dass die fiktionale Ausschmückung dieser Idee in der Popkultur oft ziemlich düster ausfällt und vor allem die Stolpersteine und Fallstricke der technologisch ermöglichten Unsterblichkeit thematisiert. 

Im Kino, vor dem Fernseher oder auf der Konsole folgt die gängige Erzählung oft weniger Itskovs Annahme einer transhumanistischen Überwindung der menschlichen Sterblichkeit, sondern vielmehr der Idee einer digitalen Verlängerung des Lebens: Der menschliche Geist als Back-up auf einer Festplatte, wo er für immer in einer digitalen Simulation weilt. In Charlie Brookers vielfach gefeierter TV-Serie »Black Mirror« wird aus diesem Gedankenspiel etwa eine jenseitige Altersresidenz (Siehe Foto oben). Ein lebensechter, aber komplett virtueller Küstenort namens San Junipero, in dem die Verstorbenen auf ewig den schönen Seiten des Lebens frönen. Urlaub, Partys und immerwährende Jugend – zumindest so lange, bis auf dem Höhepunkt der entsprechenden Folge auch die unvermeidlichen Fragen nach Verantwortung, Loyalität und Ethik aufkommen. Und zwar so gut inszeniert, dass die Folge kürzlich mit einem Emmy für »Outstanding Television Movie« ausgezeichnet wurde.


Das philosophische Horror-Spiel »Soma« geht sogar noch einen Schritt weiter. Es fragt, was denn eigentlich passiere, wenn das Bewusstsein in dieser Logik nicht transferiert, sondern lediglich kopiert wird? Wären ich und die unsterbliche digitale Variante von mir wirklich noch ein und dieselbe Person? Eine Frage, auf die Michael Graziano, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der Princeton Universität, eine klare Antwort hat: »Nein, du wärst in dieser Form nicht mehr die gleiche Person. Du bist nicht mal der Gleiche wie gestern. Aber daran hast du dich gewöhnt. Ihr würdet die gleichen Erinnerungen und Erfahrungen teilen, euch aber mit dem Vorgang des Kopierens zu zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickeln.« Dass ein solcher Vorgang technisch überhaupt möglich wäre, zweifelt er dagegen nicht an – allerdings erst in einigen hundert Jahren, wenn sich die Rechenleistung von Computern drastisch vervielfacht hat.
Die Wissenschaft weiß verhältnismäßig wenig darüber, wie das menschliche Gehirn überhaupt funktioniert. Eine Tatsache, die auch Michael Graziano immer wieder betont: »Am aktuellen Fortschritt gemessen, würde es Tausende von Jahren dauern, um die Verschaltungen des Gehirns verstehen und dann künstlich nachbilden zu können«. Kopieren – so zumindest die Theorie – könne man einen Geist aber auch ohne diese vertrackten Verknüpfungen im Detail zu verstehen. »Die Komplexität des menschlichen Gehirns entsteht dadurch, dass ein simples Element stetig wiederholt wird«, erklärt Graziano. Dafür verfügt es über rund 100 Milliarden Neuronen, die alle über die Synapsen verbunden sind. Von denen gibt es wiederum auch mehrere Hundert Arten, die Informationen alle auf eine andere Art und Weise übertragen, so der Neurologe. »Wir wissen, wie wir künstliche Neuronen und Synapsen simulieren können, die Grundlagen sind also recht einfach auf Computer-Hardware zu übertragen. Wir können sogar Millionen von Neuronen gleichzeitig simulieren. Das Problem ist, gleich 100-Milliarden auf einmal zu simulieren und dabei noch ihre Verbindungen untereinander korrekt zu verknüpfen. Diese Informationen fehlen gänzlich.« Informationen, die uns zu dem machen, was wir sind – und die gewissen Schätzungen nach dem Umfang des gesamten Internets entsprechen sollen, wie Graziano anmerkt. Heißt: Sowohl das Scannen der notwendigen Daten, als auch das Simulieren eben jener würde eine Rechenleistung erfordern, die schlichtweg noch gar nicht existiert – getreu Moore’s Law aber zumindest theoretisch schon in verhältnismäßig naher Zukunft erreicht werden könnte.
In der zeitgenössischen Science-Fiction führt also weniger der wissenschaftliche Aspekt zu unbehaglichen Dystopien, sondern vor allem der Philosophische. In »Transcendence«, dem 2014 erschienenen Regie-Debüt von Nolan-Zögling Wally Pfisterer, flüchtet sich das tödlich erkrankte K.I.-Genie Dr. Will Caster (Johnny Depp) ins digitale Nirvana, um dem endgültigen Tod zu entgehen. Während der überfrachtete Plot des Filmes schnell abstruse Wege nimmt, bleibt vor allem die Frage nach der humanistischen Beschaffenheit des digitalisierten Wissenschaftlers spannend. Die wird vor allem von seiner trauernden Frau (Rebecca Hall) repräsentiert, die an der Unklarheit zerbricht, ob diese per Bildschirm mit ihr kommunizierende K.I. wirklich noch ihr Mann sei – und was, wenn nicht. Aspekte, die nur erahnen lassen, welch komplexe Ethik-Diskurse auf uns zukommen, wenn plötzlich real fühlende Existenzen mit einem eigenen Bewusstsein Einzug in unsere Hardware halten.


Das bereits genannte Computer-Spiel »Soma« geht dieser Frage auf die wohl eindringlichste Art und Weise nach und gibt sie in gewissen Situationen einfach an den Spieler weiter. Der muss dann selbst entscheiden, wie er mit den teils sehr empfindsamen Simulationen umgeht, die sich in der Regel für echte Menschen halten. Ist es Folter, wenn ich solch ein simuliertes Bewusstsein hochfahre, nach wichtigen Informationen aushorche und nach dessen existenziellen Kollaps durch die Realisierung der bizarren Umstände einfach wieder neustarte und das Verhör von vorne beginne? Was ist, wenn ich Daten dieser Person einfach von der Festplatte lösche? Man ahnt schnell die Knoten in den Gedanken, die mit dieser Auseinandersetzung einher gehen werden – und zwar lange bevor man sich mit diesen recht konkreten Fragen beschäftigen kann. Denn wie Michael Graziano ebenfalls anmerkt, will man bei den ersten Feldversuchen auf diesem Gebiet alles, nur kein Early Adopter sein. »Niemand weiß, was passieren würde, wenn man ein Gehirn digitalisiert – welch schreckliche, ruinierte Version der entsprechenden Person dabei entstehen könnte«, gibt er zu bedenken.

Der ewige Ruhestand im digitalen Paradies dürfte also vorerst flach fallen – zumindest für uns. Wie schnell die Dystopien von gestern aber zur Tatsache von heute werden können, zeigt die Realität immer noch am schönsten. So kündigte Apple zum Beispiel im vergangenen September ein iPhone-Feature an, dass vielen aus der bereits vier Jahre alten »Black Mirror«-Episode »The Waldo Moment« bekannt vorgekommen sein dürfte: Animojis, also Emojis, die per Gesichtserkennung vom Nutzer selbst zum Leben erweckt werden. Dass diese Technik in der besagten Episode auch noch als Mittel zum Zweck für einen populistisch-pöbelnd geführten Wahlkampf missbraucht wurde, verkommt da fast schon zur Fußnote. Die existentielle Tragweite des ewigen Lebens steckt freilich nicht hinter solch einer Prophezeiung. Doch was wäre, wenn der Traum davon plötzlich genauso unverhofft Realität werden würde? Wäre es einen Versuch wert, den eigenen Geist als digitale Sicherung zu verwahren? »Auf keinen Fall!«, findet Michael Graziano. Fügt aber direkt hinzu, dass sich darüber lieber zukünftige Generationen den Kopf zerbrechen sollen. »Ich muss jedenfalls nicht ewig leben – egal in was für einer Vision.«