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Unfassbar viel Wut

Wir müssen über Harvey Weinstein reden

Eine Schauspielerin nach der anderen meldet sich zu Wort und wirft Harvey Weinstein sexuelle Belästigung und Missbrauch vor. Julia Brummert fasst die Wut, die sie seit Tagen fühlt, in Worte. 
Geschrieben am
Er wartete in seinem Hotelzimmer, bekleidet in einem weißen Bademantel. Das war Harvey Weinsteins Vorstellung von einem Business-Meeting. Vielleicht hat er den Frauen, die er dort empfing, so etwas wie: »Setz dich doch erst mal« gesagt und sanft auf den Platz neben sich geklopft. Oft war er aber viel direkter. Wer es ganz genau wissen möchte, kann die Details in einem schmerzvoll detaillierten Artikel nachlesen, den der New Yorker zum Fall Harvey Weinsteins veröffentlicht hat. 

Seit Tagen melden sich immer mehr Schauspielerinnen aus Hollywood zu Wort, man kommt kaum noch hinterher. Ashley Judd, Rose McGowan, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow. Sie alle berichten davon, dass Weinstein sie sexuell belästigt habe. Andere Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen seiner Produktionsfirmen werfen ihm ebenfalls Belästigung vor, außerdem haben sie mehrere Fälle von Vergewaltigung geschildert. Die Geschichte ist grauenhaft, sie macht wütend und vor allem zeigt sie, wie akut das Problem des strukturellen Sexismus auch in der Entertainment-Branche heutzutage noch ist.

Harvey Weinstein hat Miramax mitgegründet und später die Weinstein Company. Produktionsfirmen, die hinter Filmen wie »Pulp Fiction«, »Good Will Hunting« oder »Shakespeare In Love« stehen. Weinstein gilt als der Mann, der es schaffte, Independent-Produktionen in den Mainstream zu verhelfen. Er ist Demokrat, hat PräsidentschaftskandidatInnen wie Barack Obama und Hillary Clinton unterstützt. Kurz gesagt: Harvey Weinstein ist einer der ganz Großen in Hollywood, nein, in der weltweiten Unterhaltungsindustrie. Er war es zumindest, denn kurz nachdem die New York Times mit ihrem Artikel an die Öffentlichkeit gegangen ist, wurde er von der Weinstein Company ausgeschlossen. Weinstein hatte sich zuvor mit einer Mail an Wegbegleiter gewandt und auch ein Statement in der New York Times veröffentlicht. Er bittet darin um Entschuldigung, spricht davon, eine Therapie machen zu wollen. Genützt hat es ihm wenig. Mittlerweile hat ihn auch seine Ehefrau verlassen. Dieser Rausschmiss und die große öffentliche Diffamierung sind aber keineswegs ein Trost. Denn was einen wirklich fassungslos werden lässt, ist die Tatsache, dass Weinstein jahrelang mit seinem Arschloch-Verhalten, mit diesen Verbrechen durchgekommen ist und trotzdem wie der freundliche Hollywood-Onkel wirken konnte, der den Kleinen zu großem Ruhm verhilft.

Laut New Yorker war die Taktik fast immer die gleiche: Weinstein lud junge Frauen zu einem Meeting ein, bei dem eigentlich noch andere, teils weibliche Mitarbeiter, anwesend sein sollten. Die waren dann aber doch nicht da, Weinstein traf die Frauen allein. Er empfing sie gern in seinem Hotelzimmer, zum Teil nur bekleidet mit dem besagten Bademantel. Oder Weinstein lockte sie zu sich aufs Zimmer »Ich hab das Drehbuch oben liegen, komm’ doch kurz mit rauf.« Eine Betrofene wandte sich nach ersten Annäherungsversuchen an die Polizei. Die stattete sie mit einem Mikrofon aus, die schwer erträgliche Tonaufnahme des Gesprächs zwischen ihr und Weinstein wurde vom New Yorker veröffentlicht.

Dass Weinstein sich an Frauen vergriff, war also kein Geheimnis. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen es gewusst haben. Wieso zum Teufel hat sich niemand gewehrt? Der Vorwurf gilt natürlich nicht den betroffenen Frauen. Viele von ihnen schildern dieselben Beweggründe für ihr Schweigen: Es war immerhin Harvey Weinstein. So einen willst du nicht gegen dich haben, wenn du auf eine Karriere hoffst. Und gegen seine Anwälte kommst du sowieso nicht an. Also kam Weinstein damit durch, so wie viele andere mächtige Männer damit durchkommen. Wie Donald Trump es damals formulierte: »And when you’re a star, they let you do it. You can do anything. . . . Grab ’em by the pussy.«

Die Betroffenen erhalten Unterstützung, Meryl Streep äußerte sich, auch wenn sie betonte, dass nicht alle Bescheid wussten, Lena Dunham schrieb einen Kommentar in der New York Times und auch Ben Affleck machte seinem Ärger auf Twitter Luft. Nur wieso hat vorher niemand was gesagt?
Rose McGowan wirft Ben Affleck vor, dass er von dem Verhalten wusste. Wieso hat er denn nicht lauthals was gesagt? Im Ernst: Wenn du ein mittlerweile erfolgreicher Mensch in Hollywood bist, der selber Millionen verdient und mitbekommt, dass es Frauen gibt, die reihenweise von einem Arschloch mit Macht belästigt werden – wieso zum Kuckuck sagst du dann nicht endlich was? Wieso braucht es erst einen Artikel in der New York Times, einen weiteren im New Yorker, bis eine Welle losgetreten wird?
Weinstein ist natürlich nicht der einzige, der seine Macht so umfangreich missbraucht hat. Roman Polanski wurde mehrfach Vergewaltigung vorgeworfen, Bill Cosby ebenfalls. Und selbst die vermeintlich coolen Jungs, die, mit deren Memes und Popkultur-Artikeln wir uns von dem Elend der Welt ablenken wollten, sind natürlich nicht ausgenommen davon, verfluchte Arschgeigen zu sein, die Frauen ausnutzen. Ein aktueller Fall ist der von Andy Signore. Er ist der Erfinder der »Honest Trailers«-Reihe und arbeitete bei Screen Junkies. Auch gegen ihn wurden Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben, von einer Praktikantin und von der Freundin eines seiner Mitarbeiter. Der Gründer der Popkultur-Newsseite Ain’t It Cool News, Harry Knowles, soll ebenfalls Frauen sexuell belästigt haben

Worum es geht, ob alter Mann mit Geld oder nerdy Typ mit Vorliebe für Comics (oder beides), ist immer das gleiche: Macht. Wenn ein Mann einer Frau ungefragt in den Hintern kneift, ist das ein Ausdruck von Macht. Wenn er, statt sich mit ihr an einen Tisch zu setzen, sie auf ihr Hotelzimmer bestellt und sie im Bademantel empfängt, ist das ein Ausdruck von Macht. Wenn er ihr eine glitzernde Karriere verspricht, vorausgesetzt, sie zeigt ihre Brüste, ist das ein Ausdruck von Macht. Das gilt übrigens auch posthum, wenn man sich wie Hugh Hefner neben Marylin Monroe begraben lässt. Das ist vielleicht keine sexuelle Belästigung mehr, aber dennoch ist es  ein klarer Ausdruck von Macht. Es ist nicht nur der Ausdruck, nein, es ist Missbrauch von Macht.

Natürlich sind nicht alle Männer Arschlöcher, um Himmels Willen. Und sich von nun an als Frau in Habacht-Stellung zu begeben, weil ja immer was passieren könnte, kann auch nicht die Lösung sein. Denn auch wenn die Designerin Donna Karan erzählt, die betroffenen Frauen hätten sich vielleicht falsch gekleidet, sie sind nicht schuld, wenn ein Mann sie sexuell belästigt. Sie. Sind. Nicht. Schuld. Diese Fälle lassen einen wütend und müde zurück. Sie entmutigen und geben das Gefühl, keine Chance zu haben. Wenn eine Gwyneth Paltrow fast 20 Jahre lang nichts sagen konnte, wenn Meryl Streep mit so einem Arschloch befreundet war und wenn solche Typen über so lange Zeit damit durchkommen sollten – wie fasst man da Mut? 

Wir müssen über solche Fälle reden. Wir müssen diese Dinge öffentlich machen und denen helfen, die vielleicht selber nicht in der Lage sind, darüber zu sprechen. Gut zu wissen, dass der Zeitpunkt offenbar gekommen ist, dass jetzt geht, was früher vielleicht noch nicht ging. Meryl Streep sagte in ihrem Statement: »The behavior is inexcusable, but the abuse of power familiar. Each brave voice that is raised, heard and credited by our watchdog media will ultimately change the game.« Wir müssen weiterhin sehr deutlich auf die Idioten zeigen, die Frauen so etwas antun. Harvey Weinstein hat seinen Job verloren, Andy Signore und Harry Knowles auch. Babyschritte natürlich, und es ist ärgerlich, dass erst darüber geschrieben werden muss, damit etwas passiert. Aber wenn die einzige Waffe gegen diese Arschlöcher ist, die Stimme zu erheben, dann müssen wir das tun. Und die, die Angst haben, unterstützen. Dann macht uns auch ein Harvey Weinstein keine Angst mehr. Hoffentlich.
Die Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen, es gibt ständig weitere Neuigkeiten und Personen, die sich zu Wort melden. Wir bleiben dran.