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Nicht zynisch werden!?

Kettcar im Interview

Pegida, G20, Trump, Nordkorea, AfD – diese Zeiten sind, pardon, zum Kotzen. Aber einer findet trotzdem immer die richtigen Worte – und das seit etwa 25 Jahren. Julia Brummert traf Marcus Wiebusch in Hamburg, um mit ihm über das neue Kettcar-Album, 15 Jahre Bandgeschichte, ... But Alive und das Durchhalten zu sprechen.
Geschrieben am
Bezeichnest du dich selbst heute als Punk?
Nein.

Nicht mal im Herzen?
Doch. Da schon.

Und wie stellt sich das für dich dar?
Das ist für mich eine Grundhaltung. Damals, als ich Punk wurde oder mich zu dieser Szene hingezogen fühlte, ging es mir darum, meinen eigenen Maßstäben zu folgen und nicht dem, was die Gesellschaft, die Familie oder Autoritäten mir vorgeben. Das ist noch heute so.

In den Anfangstagen von Kettcar habt ihr oft
Kritik für eure »Befindlichkeitstexte« bekommen. Ist der Titel »Ich vs. Wir« eine Anspielung auf die Diskussionen damals?

Der Titel ist – wenn du das Album als unser politischstes interpretierst, und das machen gerade alle – Ausdruck der für mich urpolitischen Frage: Mit wem will man verdammt noch mal eigentlich noch was zu tun haben in Zeiten, in denen die sogenannten demokratisch legitimierten Vollidioten-Entscheidungen im Minutentakt auf uns einkrachen? Gerade wenn man, wie ich, aus linken Zusammenhängen kommt, dann weiß man, was für unfassbare Grabenkämpfe es da gibt. Es gibt kein linkes »Wir«, es gibt kaum noch Linke, die sagen: »Wir machen das jetzt mal zusammen!« Es ist eine einzige Zerfleischerei. Der Albumtitel kulminiert in dem Song »Wagenburg«, in dem »Ich« und »Wir« ganz hart gegeneinander geclasht werden, um dann eine Antwort zu finden auf AfD und Pegida. Wenn diese Leute sagen: »Wir sind das Volk!«, schreien sie eigentlich: »Ich bin das Volk!« Die wollen das für sich und nicht für ein übergeordnetes wir. Es ein ganz großes Dilemma, dass der Widerstand auf der Straße – wenn man mal von G20 absieht – nur noch von Rechts zu kommen scheint. Das ist bitter. Überall sieht man besorgte Bürger und rechtspopulistische Vollidiotenmeinungen. Da muss man als links fühlender Mensch sehr genau überlegen, wo man sich wie positioniert. Man ist da – das klingt in »Ankunftshalle« an – manchmal der Verzweiflung nahe.

Die Konflikte in der linken Szene tauchen auf dem Album immer wieder auf. Die erste Single »Sommer ‘89« thematisiert das. Auch in »Den Revolver entsichern« geht es darum, dass sich Menschen mit eigentlich gleicher und guter Intention gegenseitig kaputt kritisieren. 

Das ist eigentlich nicht die Idee, die hinter »Den Revolver entsichern« steht. Es ging uns darum, auch mal einen Song für etwas zu schreiben und nicht immer gegen etwas. In diesem Fall sind es die Menschen, die heute mit dem rechten Kampfbegriff »Gutmenschen« bezeichnet werden. Die, jenseits von Zynismus und Apathie, noch irgendwas wollen und Sachen angehen. Und natürlich habe ich diese naiven Hippies, die Moralapostel und die selbstgerechten Weltverbesserer früher auch so gehasst. Entscheidend scheint mir aber zu sein, dass man auch zugibt, dass man keine einfache Lösung hat und dass man demnach nicht zu allem eine Meinung hat und einfach mal die Fresse hält und trotzdem Sachen macht, von denen man überzeugt ist.

Wenn du ihn als wichtigsten Song nennst, wieso habt ihr euch dann für »Sommer ‘89« als erste Single entschieden? 
Weil der Song mehr ballert, wir sind ja auch nicht bescheuert. Du könntest mich auch fragen, wieso »Revolver« der letzte Song ist. In der Außendarstellung ist er vielleicht nicht unser wichtigster Song, aber für uns intern ist er so wichtig, weil er gemeinschaftlich entstanden ist und weil er zeigt, wie Kettcar 2017 funktionieren. Wir arbeiten heute ganz anders als 2002.

Wie zeigt sich das?
Wir arbeiten zusammen. Früher waren die Songs sehr stark davon geprägt, dass ich sie mehr oder weniger allein gestemmt habe. Das ist heute komplett anders, wir arbeiten sehr stark zusammen und sind im Entstehungsprozess der Songs wesentlich kommunikativer.
Dazwischen war ja auch noch was. Wenn du sagst, du kamst von ... But Alive zu Kettcar mit all diesen Ideen, wo ordnest du da Rantanplan ein?
Bei Rantanplan war ich eher so etwas wie ein Erfüllungsgehilfe. Das habe ich gerne gemacht, und das war gut, und ich habe da ein paar ganz gute Songs geschrieben, aber im Grunde genommen war das nicht mein Baby. Anders als bei ... But Alive habe ich nicht groß gehadert, als ich ausgestiegen bin.

Du hast viele politische Songs geschrieben und immer wieder gegen die gleichen Idioten gewettert. Wie schaffst du es, da nicht durchzudrehen?

Wenn ich das mal ganz pathetisch sagen darf: Mein Herz ist härter. Ich will nicht zynisch werden. Die Themen, die sich im Rechtspopulismus heute darstellen, sind andere. Es gibt einen Unterschied zwischen Rostock, Hoyerswerda und heute. All das zu benennen und es auch mal wieder auf den Punkt zu treffen wie in »Sommer ‘89«, so einen Song zu schreiben, bei dem mir wildfremde Leute auf der Straße auf die Schulter klopfen und sagen: »Alter, so geht Musik heute!« ...

... Das ist dir passiert?

Ja, das ist passiert. Ich treffe es künstlerisch manchmal. Mit »Der Tag wird kommen« habe ich getroffen und mit »Sommer ‘89« ebenfalls. Vielleicht gibt es den einen oder anderen Song, mit dem ich es auch treffe, mit dem ich das Leben anderer Menschen bereichern kann. Wenn ich das schaffe, dann habe ich meinen Job erfüllt. Und dann freue ich mich natürlich.

Kettcar haben eine recht lange Pause gemacht. War dein Plan, eine Soloplatte zu machen, der einzige Grund? 

»Zwischen den Runden« war geprägt von Extremen, so schlecht wie zu dem Zeitpunkt war die Band nie aufgestellt. Aus heutiger Sicht hört man das dem Album auch an. Wir waren lost. Mein Bruder ging auf dem Zahnfleisch, weil er nebenbei noch einen »richtigen« Job hatte, und Reimer und ich haben uns auch nicht mehr verstanden. Wir mussten irgendwas machen. Ich hab gefühlt, dass ich Songs in mir hatte, die raus mussten, die bei Kettcar niemals gegangen wären. »Der Tag wird kommen« zum Beispiel. Dann habe ich den Jungs gesagt, dass ich ein Soloalbum mache und dass wir jetzt eine Pause einlegen.

Wie war das dann, als ihr entschieden habt, weiterzumachen? Seid ihr in den Proberaum gegangen und habt drauflos gespielt?

Nee, wir haben einfach zusammengesessen, Musik gehört und überlegt, was wir an deutschsprachiger Musik gut finden, was ist das Letzte, was wollen wir gar nicht mehr, wo sind gute Ansätze, wovon wollen wir uns unterscheiden. Unsere Maßgabe war, dass wir ein druckvolles, energetisches Album machen wollen, wie früher. Wir wollten uns den Themen der Zeit stellen und nicht in Eskapismus verlieren, wie es 90 Prozent des HipHop gerade macht oder dieser »Menschen Leben Tanzen Welt«-Schwachsinn. 

In einem
früheren Intro-Interview hast du gesagt, dass »Balu« der beste Song sei, den du je geschrieben hast. Gilt das auch heute noch?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich damals gesagt habe, »Balu« ist der beste Song, dann war das da auch schon gelogen. Wahrscheinlich war das eine unmittelbare Sache. Für die Indie-Polizei ist das der schlagereskeste Song, den wir jemals gemacht haben, während ich ihn als ziemlich deepen Song betrachte. Er wird ja immer als stumpfes Liebeslied abgetan, aber das ist er im Grunde gar nicht. Zurückblickend habe ich aus künstlerischer Sicht hier und da höher getroffen, vielleicht mit »Sommer ‘89« oder »Der Tag wird kommen« oder auch mit »Wagenburg« oder »Straßen unseres Viertels« von diesem Album, die Songs hänge ich für mich persönlich in diesem Moment sehr hoch. Das hat viel damit zu tun, dass ich mir etwas vornehme und mich freue, wenn es dann künstlerisch hinhaut.  

Ein großes Thema in deinen Liedern war immer, die Entscheidung treffen zu müssen, ob man das »gute, wilde« Leben möchte oder sich doch für Sicherheiten entscheidet. Bist du froh, dass du dich irgendwann für das Künstlerleben entschieden hast und dabei geblieben bist?

Schon, ja. Ich bereue sehr wenig in den letzten 25 Jahren. Gerade vor dem Hintergrund, dass ich auch meinen Kindern mitgeben kann: Das Beste, was du im Leben hast, ist, wenn du etwas findest, das du liebst, und dann daran festhältst; dich nicht hin und her schleudern lässt von den ganzen Zumutungen des Alltags. Ich habe irgendwann die Musik für mich entdeckt. Wir haben trotz all der Widerstände – das war auch hart, zum Teil haben wir von Nudeln mit Senf gelebt – daran festgehalten, und ich freue mich, das Leben der Menschen bereichern zu können.