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»The Ooz«

King Krule

Mit »The Ooz« begibt sich King Krule in Grenzbereiche – die des Pop, aber auch die seiner Seele. Ist das nun große, unkonventionelle Kunst oder verdaddelte Fingerübung? Anders gefragt: Wie schräg funktioniert Pop noch als Pop?
Geschrieben am


Der talentierte Jungspund King Krule brachte von Anfang an ein gehobenes Maß an Lebensschwere mit. Seine belegte und rotzige Stimme wollte nicht so recht zu dem jugendlichen Äußeren passen, faszinierte dadurch aber umso mehr. Und doch ließ sie erahnen, dass bei diesem Künstler Dämonen und Abgründe Teil des Charakters sein mussten. Bei allem Eigensinn war das Debüt des Engländers vor ein paar Jahren ein introspektives Gitarrenalbum, mit einigen Hits und auch einer lebensbejahenden Grundstimmung. Auf »The Ooz« bricht das depressive Element bei Krule nun voll durch.

Die Gitarren wurden weitgehend in den Schrank gesperrt, was offenbar zu neuen Ambitionen im Sounddesign führte. Das Album ist als atmosphärisches Ganzes zu verstehen, die Stimmung düster und verhangen. Und genau hier liegt die Schwierigkeit dieser Platte: Es gibt keine Klimax. King Krule mutet seinen Fans schier endlose Slow-Jazz-Passagen zu, reichert sie mit sanfter Elektronik an, verzichtet aber gänzlich auf zupackende Refrains oder ähnliche Kontrastmittel. Dadurch ist ein dichter, dystopischer Soundtrack entstanden, interessant und komplex, aber eben sehr selbstbezogen und je nach Stimmungslage auch ziemlich anstrengend.

Kai Wichelmann

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Diesem Album vorzuwerfen, es habe keine Klimax, ist ungefähr so, als würde man Jimi Hendrix vorwerfen, »Electric Ladyland« habe zu wenig Stringenz im Gitarrenspiel. King Krule war in all seinen bisherigen musikalischen Erscheinungsformen ein sehr einnehmender Musiker und Geschichtenerzähler – und wenn er jetzt all den depressiven Modder und dunkel gefärbten Seelenschlamm, den »Ooze« eben, herausspülen will, ist das völlig okay. »It’s motion. It’s urgent. It’s trigger, pulling us in«, heißt es im Titelstück, und genau dieser Ansatz gibt auch das schleppende, jazzige Tempo vor, das Archy Marshall in Stücken wie »Emergency Blimp« allerdings auch mal rumpelnd aufbricht. Man hört genau, was er an anderer Stelle in diesem Heft sagt: dass die Arbeit an diesem Album »wie Kotze« gewesen sei. »Es waren feste Stücke und dann flüssige Stücke. Es gab Stücke von mir selbst und Stücke aus Blut.«

Daraus etwas anzurühren, das dennoch berührt und im übertragenen Sinne schmeckt, ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Grandiose Tracks wie »(A Slide In) New Drugs«, »Biscuit Town« oder »Lonely Blue«, bei dem King Krule klingt wie ein Barmusiker, der sich nach dem letzten Akkord die Kugel gibt, entwickeln einen Sog, der sich auch nach mehrmaligem Hören nicht abnutzt. Bei 19 Songs, wobei einige eher Zwischenspiele sind, gibt es nur zwei Ausfälle: das wirklich uninspiriert jaulende »Slush Puppy« und das nach Füllmaterial klingende »The Cadet Leaps«. Wer bei dem Package noch Refrains oder gute Laune braucht, dem kann ich auch nicht helfen – und King Krule schon gar nicht. 

Daniel Koch