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Mit Şermin Usta

Love Attack #254

Um die schönste Jahreszeit genießen zu können, braucht es nicht viel, aber auf jeden Fall den passenden Groove. Hier ein paar Kandidaten, die den Sommer auf Vinyl gepresst haben.
Geschrieben am
Für sein neues Album fischt Long-Beach-Boy Vince Staples thematisch und stilistisch in neuen Gewässern. »Big Fish Theory« (Def Jam), das bereits vor Monaten viral mit einem Goldfisch angekündigt wurde, beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Rap in der heutigen Zeit. Dahinter brettern in Songs wie dem Opener »Crabs In The Bucket« Beats in Dub-Manier los und geben den Takt für die ganze LP vor. Das basslastige »BagBak« und das politische »Big Fish« mit Juicy J demonstrieren die Klasse, in der Staples mittlerweile spielt.
Top Dawg Entertainment haut diesen Sommer ein besonderes Release raus: SZA, die einzige Dame in der übertalentierten Westcoast-Rap-Schmiede, zeigt in 14 Tracks, wie gelassen man den klassischen Rap-Fan mit dem smoothen R’n’B-Gläubigen an einen Tisch bringen kann. SZA gibt so die Steuerungstaste im Rädchen TDE und legt mit »CTRL« (RCA) ein besonders starkes Debüt vor. Die Popsongs wie »Drew Barrymore« und »Doves In The Wind« mit Label-Kollege Kendrick Lamar sind ein echter Genuss. Grenzenlos sexy, emanzipiert und konsequent präsentiert sich die Sängerin vor allem sexuell befreit – wie ihr erster Track »Supermodel« demonstriert: »Let me tell you a secret. I been secretly banging your homeboy. Why you in Vegas all up on Valentine’s Day?« Gute Frage. Auch bei SZA gilt privat: Wer nicht hört, muss fühlen. Wir dürfen zum Glück beides.
Ohne dem großen Big Boi auf die Füße treten zu wollen: Sein drittes Soloalbum ist ganz sicher nicht sein bestes. »Boomiverse« (Sony) versucht vor allem mit spannenden Features zu überzeugen. Dieses Mal dabei: Gucci Mane, Pimp C, Snoop Dogg, Killer Mike, Jeezy und Kurupt. Die stellenweise hochgepitchten Vocals und der Trap-Rap des OutKast-Mitglieds fühlen sich aber mehr nach Plastik als nach einem überragenden Spätwerk an. Wo sind die Hits, wo der rote Faden, fragt man sich. Und: Was haben Songs wie »Chocolate« zu bedeuten?
Ihm haben wir einen der schönsten Hits der 2000er zu verdanken: 2002 erschien Cody ChesnuTT kurz im Rampenlicht, als The Roots seinen Song »The Seed« mit dem Zusatz 2.0 aufnahmen. Der Track wurde zum Hit, aber ChesnuTT verschwand wieder in der Versenkung und wurde crackabhängig. Sein 30 Tracks starkes Debüt »The Headphone Masterpiece« ist nicht nur ein Meisterwerk voller Soul und Schmerz – es ist auch ein Album, dem man das auch nach Jahren noch anhört. Die Stücke hatte ChesnuTT damals in seinem Schlafzimmer auf einem Vier-Spur-Gerät aufgenommen. Heute ist der Künstler aus Atlanta gesund und ambitioniert wie nie. Sein neues Album »My Love Divine Degree« (One Little Indian) ist eine Mischung aus Neo-Soul, Funk, Rock, Blues und HipHop, das von ChesnuTTs außergewöhnlicher Stimme seinen Stempel erhält.
Wie so oft fing alles mit Pharrell Williams an, dem Hüter der Beats und Talente, der den Compton-Rapper und damaligen Teenager Buddy alias Simmie Sims 2012 als ersten Künstler auf seinem Label I Am Other signte. Um den Rest kümmerte sich MC Buddy im Laufe der Jahre selbst. Es folgten ein paar Features mit Künstlern wie Kendrick Lamar (»Staircases«) und eigene Veröffentlichungen, die aber nur wenige interessierten. Heute überrascht der 23-Jährige gemeinsam mit Produzent Kaytranada mit der EP »Ocean & Montana« (I Am Other), die ganz im Stile des Produzenten sommerliche Vibes mit Westcoast-Flow à la Vince Staples verbindet. Songs wie »A Lite« und »Gillotine« machen Lust auf See und Abendsonne mit Kaltgetränk in der Hand. Ich vermute, so was Ähnliches hatten sich die beiden auch vorgestellt, als sie diese EP produzierten.
Während die einen Gs noch in der Sonne Kaliforniens chillen, schmieden andere schon wieder große Pläne. So wie Deutschlands versammelte Produzenten-Elite, die mit ihrer Beat-Compilation »20 Gs« (Kabul Fire) pünktlich zum G20-Gipfel ein Zeichen gegen Abschottungspolitik und Ausbeutung setzt. Produzent und Labelchef Farhot hat es geschafft, fast alle namhaften und aufstrebenden Beatkünstler auf einer Veröffentlichung zu versammeln. Mit dabei sind: DJ Desue, The Krauts, Dexter, Suff Daddy, Brenk Sinatra, Bazzazian, Ghanaian Stallion sowie Samy Deluxe und das Kreuzberger KitschKrieg-Kollektiv. Das Großartige an dem Release ist aber die Tatsache, dass der Erlös an ein Schulbauprojekt in Afghanistan gespendet wird. Gangster mit Herz und Talent eben.
Nach seinem 2013er-Album »Der Wolf im Schafspelz« und dem Projekt Inglebirds ein Jahr später wurde es ruhig um DCVDNS. Nun ist der Saarländer zurück und lässt mit seinem neuen Album »Der erste tighte Wei$$e« (Urban) keine Provokation und kein Klischee aus. »Wer denkt, die Erde sei eine Scheibe und macht bergeweise Scheine? Es ist I-C-H – der erste tighte Wei$$e«, spittet der Saarländer in Anlehnung an den »letzten tighten N****« Taktlo$$ und Savas, dessen Doubletime-Talent für ewig in Neonfarben in unseren Gehörgängen festsitzt. Ein junger MC, der sich über die Benachteiligung des weißen Mannes ärgert und mit der US-Flagge schmückt? Wenig überraschend, aber dennoch schockierend.
Eine Mischung aus experimentellem Beat-Untergrund und zeitgenössischer Popmusik macht aus Gerards neuer LP »AAA« (Futuresfuture) die logische Konsequenz seiner beiden Vorgängeralben. Während der Wiener MC textlich wieder viel Persönliches preisgibt, schafft er gleichzeitig auch eine Reflexion unserer Zeit, die aus den Augen des mittlerweile 30-Jährigen relevanter als noch vor ein paar Jahren erscheint.