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Mit Şermin Usta

Love Attack #256

Vom Besten der »Freshman Class 2017« bis hin zu Berlins Rap-Elite: Die wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Wochen bieten viel Diskussionsstoff.
Geschrieben am
Man könnte psychologische Abhandlungen über ihn mit Videos seiner spektakulärsten Live-Shows und Gewaltausbrüche stützen. Nur würde man damit XXXTentacion nicht gerecht. Der 19-jährige Rapper und Sänger aus South Florida überschreitet nicht nur mit seinem Verhalten regelmäßig Grenzen. Allen Schlagzeilen zum Trotz ist sein Debüt »17« (Bad Vibes Forever) schon jetzt eines der spannendsten HipHop-Alben des Jahres. Was sich auf dieser LP als Musik ausdehnt, ist das Zeugnis kranker, filterloser Gedanken, die manisch und zutiefst ehrlich niemanden unberührt lassen. Während sein größter Hit »Look At Me« auf dem Album nicht enthalten ist, beglückt XXXTentacion mit minimalistischem Emo-Songwriting und Songs wie »Depression & Obsession«: Eine roh gezupfte Akustikgitarre und lyrische Selbstzerstörung lassen die 1990er mit echter Grunge-Attitüde wieder aufleben. 
Auf seinem dritten Album »Cozy Tapes Vol. 2: Too Cozy« (A$AP Worldwide) hat es sich der A$AP Mob für seine Verhältnisse leider etwas zu gemütlich gemacht. Nach A$AP Twelvyys Debüt »12« und A$AP Fergs Mixtape »Still Striving« sollte der Nachfolger des 2016er-»Cozy Tapes Vol. 1« den Release-Sommer der New Yorker komplettieren. Allerdings hat sich der Mob nur wenig Neues einfallen lassen, um seine Fans zu überraschen. Schon der Opener »Perry Aye« deutet an, wohin die Reise geht: nämlich nirgendwohin. Allerhöchstens auf die »Bahamas«, wie einer der besseren Tracks der durchweg monotonen, mit schlechten Hooks durchsetzten LP heißt. Da helfen auch Gäste wie RZA, Frank Ocean und Chief Keef nicht, die Skills des Mobs zu aktivieren.
Die New Yorkerin Destiny Frasqueri hatte sich ab 2012 als Rapperin Wavy Spice einen Namen gemacht, bis sie sich als Princess Nokia neu erfand und mit queeren Selbstermächtigungshymnen wie »Tomboy« gegen Körperklischees, Schwulen-Diskriminierung und Rassismus anging. Ihr großartiges, über Soundcloud veröffentlichtes »1992«-Mixtape erscheint nun als »1992 Deluxe« (Rough Trade) mit acht neuen Tracks. Auf diesem Debüt zeigt die Rapperin mit puerto-ricanischen und nigerianischen Wurzeln auf höchstem Niveau, wie genial Female-Rap klingen kann: »My little titties be bookin’ cities all around the world.« Mit ihren Songs und der Arbeit an ihrem feministisch-kreativen »Smart Girl Club« bietet die 25-Jährige Frauen auf der ganzen Welt eine Perspektive und das Gefühl, alles machen und sagen zu können. Allein dafür hat die Newcomerin den größten Respekt verdient.
Sonntagabend. Zeit zum Rappen. Die Treppe führt abwärts in ein Kellerlokal. Eine zehn Zentimeter hohe Bühne an der Stirnseite des Raumes ist mit Fähnchen geschmückt. Es riecht nach Stinkbomben, Räucherstäbchen und Zigarettenrauch. Ein Typ schiebt sich vors Mikrofon und begrüßt die fünf Gäste im Publikum – das Open-Mic im Royalbunker ist damit eröffnet. Hier geht es »um aggressiven Humor und intelligente Gewalt. Um intelligenten Humor und aggressive Gewalt«, wie sich die Posse des Royalbunker auf ihrer Webseite erinnert. Savas & Sido zählen zu den bekanntesten MCs, deren erste Auftritte einst in diesem Berliner Keller-Club stattfanden. Kein Wunder, dass sie ihr gemeinsames Kollabo-Album nun im Titel ihrem künstlerischen Ursprung widmen (Urban / Universal). Dass die zwei Deutschrap-Urgesteine keine Hits brauchen, um ihre Fangemeinde zu überzeugen, zeigt ihr neuestes Album nur zu gut. Mit wenig Innovation in puncto Flow und Story gibt es von KKS und dem Aggro-Berliner überraschend wenig Neues zu hören. Dass ihre Kollaboration etwas Besonderes ist, steht dabei außer Frage.
Mehr als drei Jahre nach »Stories From The Brass Section« gibt es mit »It’s Nice Outside« (Don’t Sleep) endlich ein neues Kollabo-Projekt von Anti-Lilly und Beatbastler Phoniks. Der MC aus Houston hatte es in der Vergangenheit aufgrund von Depressionen, einem monotonen Nine-to-five-Job und schlechten Freunden nicht leicht. Erst nach einer selbst auferlegten Isolation kam der Rapper wieder zu sich, als er die jazzig-smoothe Lebenswelt von Phoniks erlebte. Ihr sehr persönliches Album, das einige Original-Voicemail-Auszüge samplet und durch wunderschöne Beats brilliert, ist alles in allem sehr positiv und damit der perfekte Sound für einen goldenen Herbst.
Diese Künstlerin zählt neben FKA Twigs, Laurel Halo und Holly Herndon zur Speerspitze des avantgardistischen Pop: Die Sängerin und Geigerin Brittney Denise Parks alias Sudan Archives remixte bereits als 19-jährige Studentin einen Kanye-West-Song und coverte als »Queen Kunta« Kendrick Lamars »King Kunta«. Als sie auf YouTube zufällig auf sudanesische Geiger stieß, blieb sie daran fasziniert hängen, was man auf ihrer neuen EP »Sudan Archives« (Stones Throw) durchweg hört, vor allem aber auf dem Track »Oatmeal«. Ihr afrikanisch-arabischer Genre-Mix wird von der Künstlerin aus L.A. mutig und recht experimentell auf eine neue Ebene gehievt und muss sich damit zumindest erst einmal mit niemandem messen.
Das Livealbum »Beats, Rhymes & Mr. Scardanelli« (One Shotta) ist ein besonderer Höhepunkt für Deutschrap-Nostalgiker. Darauf setzt Afrob den Schwerpunkt überraschenderweise nicht auf seine größten Hits, wie die Hitdichte in seiner Diskografie vermuten lassen könnte. »Reimemonster« mit Ferris MC, »Get Up« mit Joy Denalane oder »Einfach«, die 1999er-Liebesgeschichte mit Meli von Skills En Masse, hat er sich gemeinsam mit den Tribes Of Jizu dennoch zur Brust genommen und in den Red Bull Studios neu eingespielt. Ein musikalisches Highlight für die älteste Garde der Deutschrap-Fans – nicht zuletzt, weil man die wunderbare Stimme von Meli zu hören bekommt.