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The Last Of The Famous International Playboys

Morrissey live in Berlin

Hatte der Meister der poetischen Melancholie in den letzten Monaten nicht nur sinnvolle Statements gegeben, so lässt Morrissey im Rahmen der arte-Konzertreihe »Berlin live« überwiegend die Musik sprechen. 
Geschrieben am
11.10.2017, Berlin, SchwuZ  

Auch wenn sich Morrissey in den letzten Monaten für den Brexit und die europafeindliche Politik des ehemaligen UKIP-Vorsitzenden Nigel Farage ausgesprochen hat, wäre es falsch, den 58-Jährigen für seine politischen Ansichten vollständig zu verurteilen. Dafür spricht seine klare Positionierung gegen Donald Trump. Erst im Februar hatte »Moz« den US-Präsidenten durch den Titel seines letzten Albums »World Peace Is None of Your Business« in Verbindung mit einem Internet-Meme sarkastisch kritisiert.  

Aber auch am heutigen Abend bezieht Morrissey klar Stellung gegen Trumps rassistische Agenda. So tragen seine Band-Mitglieder schwarze T-Shirts mit der Aufschrift »Return Of The Black Panthers«, um in Anlehnung an die in den 1960er-Jahren gegründete »Black Panther Party« ihre Solidarität mit dem afroamerikanischen Widerstand gegen die aktuelle gesellschaftliche Unterdrückung in den USA zu zeigen. Jedoch stehen im SchwuZ nicht die politischen Positionen des »Mozzers« im Vordergrund, sondern das künstlerische Schaffen des seit 1977 aktiven Musikers. Schließlich wird der Grandseigneur der britischen Popmusik am 17. November mit »Low in High School« sein mittlerweile elftes Studio-Album veröffentlichen. 
Folgerichtig kommen an diesem Tag gleich sechs neue Songs zur Aufführung. Neben der wunderbaren ersten Single-Auskopplung »Spent the Day in Bed«, hinterlassen dabei das wuchtig-packende »My Love, I'd Do Anything for You« und die anrührende Weltumarmung »Home Is a Question Mark« den stärksten Eindruck. Allerdings bleibt es den bereits zu Beginn gegebenen Klassikern »Alma Matters« und »I'm Throwing My Arms Around Paris« vorbehalten, die euphorischsten Reaktionen beim durchgehend hingebungsvollen Publikum hervorzurufen. Zu den frühen Höhepunkten des Auftritts zählt auch das wie schon bei der letzten Tour von Keyboarder Gustavo Manzur zu Ende intonierte »Speedway«, dessen Gesangs-Übernahme Morrissey ironisch kommentiert: »I dont' actually know who he is.«  

Überhaupt fällt wieder einmal auf, wie stark Steven Patrick Morrisseys Persönlichkeit durch britischen Humor und jede Menge Selbstironie geprägt ist. So äußerst sich »Mozza« in augenzwinkernder Bescheidenheit über die Erfolgsaussichten seiner neuen Platte: »I hope and pray, it will get in the german charts to hopefully number 82 or 81.« Diese lässige Souveränität spiegelt sich auch wider, als eine Frau plötzlich: »Fuck AfD, the nazis in germany! Nazis, fuck off! Racists, fuck off!« ruft. Anstatt diesen richtigen und wichtigen Einwurf als mögliche Kritik an den eigenen politischen Ansichten zu verstehen, entgegnet Morrissey cool: »Do you like Angela Merkel? Yes, you do! Don't be pretend to be rebellious. I've seen your type before. All very well on a friday night, but on saturday a nice chair, some coco, a nice book.«  

Ungeachtet dieser bei aller Nonchalance vielleicht ungerechten Beurteilung, behandelt Morrissey seine Fans mit Respekt und Zuneigung. So schüttelt er nicht nur zahlreiche Hände in den ersten Reihen, sondern nimmt sich auch noch die Zeit, während der Show in aller Ruhe ein Autogramm zu geben. Dass ein Morrissey-Konzert trotzdem keine Wohlfühl-Oase ist, vergegenwärtigt das ungemein intensiv dargebotene »Meat Is Murder«, dem der langjährige Vegetarier als heute einzigen The-Smiths-Song die Worte »Do not forget your friends, who need your help and are begging for your help and are in desperate conditions.« voranstellt. Ein beschwingtes The-Pretenders-Cover von »Back On The Chain Gang« beendet schließlich eine eindrucksvolle Performance, die dem Release des neuen Albums mit Vorfreude entgegenblicken lässt.