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A golden age, I know

Placebo live in Köln

Placebo feiern Band-Geburtstag und laden zur großen Party in die Lanxess-Arena. Ihr Geschenk an 13.000 Fans: Hits sämtlicher Jahrgänge, eine B-Seite und das Versprechen, bald wiederzukommen. »We will find you!« Natürlich.
Geschrieben am
02.11.16, Köln, Lanxess Arena

20 Jahre Placebo! Ein gutes Alibi, um noch mal mit ordentlich Pauken und Trompeten um die Welt zu reisen, Bilder von damals rumzureichen und ein paar alte Schätzchen zu entstauben. Ja ja, natürlich ist das Alternative-Rock-Phänomen noch längst nicht abgedroschen genug, um sich für etwas PR an Jubiläen klammern zu müssen. Aber man soll die Feste ja feiern, wie sie fallen. Und so beginnt Placebos Auftritt mit einem gut abgehangenen Promo-Video und minutenlangem Blättern in Erinnerungen, während dazu die Studioaufnahme genau des Klassikers ertönt, der heute Abend unerhörter Weise ausgespart werden sollte: »Every You Every Me«.
 

Die nostalgischen Flashbacks bieten Gelegenheit, sich einmal im großen Rund umzusehen: Da sind unauffällige, mittelalte Menschen mit beliebigem Tribal-Tattoo, die den schmächtigen Brian Molko im Kleinen Schwarzen einst mit eigenen Augen sahen, denen ob ihrer Dahergelaufenheit allerdings nicht im Geringsten anzusehen gewesen wäre, wo und wie sie den heutigen Mittwochabend zu verbringen gedachten. Mit verschränkten Armen und interessiertem Blick verfolgen sie das Geschehen auf der Bühne von ihrem Sesselchen aus und klatschen artig, manchmal sogar im Rhythmus, weil die Musik so schön nachdenklich ist. Nicht wenige sind mit Partner und Kind gekommen; Placebo kommen mit einer Ladung arenagerecht wummernder Geschenke und wühlen dabei tief in der Spielkiste.
»Pure Morning«, das Stefan Olsdal uns erst neulich enträtselte, eröffnet die Liveshow zwar eher hypnotisch denn aufrüttelnd, doch das macht der beständige Strom an Hits und Raritäten wieder wett. »Twenty Years« wird im Geiste umgewidmet, mit »Lazarus« (No Bowie – yet!) verirrt sich sogar eine B-Seite aus dem vergangenen Jahrzehnt ins Set. Indem sie sich querfeldein durch ihren gesamten Katalog arbeiten, werden Placebo dem Anlass spielend gerecht. Auffällig ist, wie oft es sie dabei wieder zurück zu ihrem Debütalbum verschlägt. »I Know« und »Lady Of The Flowers« reloaded fügen sich ein als wären sie nie weg gewesen; für das seit Ewigkeiten nicht gehörte »Nancy Boy« bekommt Stef seine Gaypride-Gitarre gereicht. Kollege Molko, neuerdings wieder mit kurzgeschorenem Haar, proklamiert »Rock'n'Schwul« und singt dann mit annähernd derselben nasalen Fistelstimme wie damals über Sex und Drugs.  

Wirklich feierbefugt sind während dieser Tour eigentlich nur die beiden Bandgründer. Alle anderen sind Gäste. Auch auf den Mann am Schlagzeug fällt nicht mehr viel Licht, seit Steve Forrest – selbst bloß Nachfolger eines anderen Steves – der Band den Rücken gekehrt hat. »Stef, Brian and the Placebo guys«, nennt Gary Panther Moore vom Support The Mirror Trap die Band. Da waren's also nur noch zwei. Die sich aber auf die vierköpfige Unterstützung aus dem Schatten voll verlassen können.
 

Als zu »Without You I'm Nothing« Erinnerungen an den Schulterschluss mit dem großen David Bowie (der nahm Placebo noch vor Release ihres ersten Album mit auf Tour) über die Videowand flattern, jubelt das Publikum. »Infra-Red«, »Special K« und das Kate-Bush-Cover »Running Up That Hill« sind ebenfalls Ausraster wert, doch stolpert man bei Placebo beständig über das große Ufftata, das unlängst von den Songs Besitz ergriffen hat. Das stilbildend Flachatmige, Angeknackste gerade der ersten Alben ist bei der Mauser zur Stadion-Band nahezu völlig auf der Strecke geblieben. Auch die plärrendsten Schrammler sind nun zu wuchtigen Hymnen umfunktioniert; der Rest an Distortion verquillt schlicht in den hallenden Weiten der Arena. Dank Brian Molkos Stimme aber hat der Placebo-Sound im Ganzen nicht an Wiedererkennungswert eingebüßt – auch wenn der es bisweilen mit dem Langziehen der Vokale übertreibt.
An Energie fehlt es Molko nicht: Der androgyne Sänger macht Wirbel für zehn und markiert mit saftiger Wortwahl sowohl den Rockstar als schließlich auch das Ende der »melancholic section«. Soll heißen: Jetzt geht doch bitte mal auf uns ab! Aufgedreht gestikulierend fordert er eine Birthday Party, bekommt aber zunächst nur ein artiges Ständchen, während das Gros des Publikums noch nicht so ganz auf Betriebstemperatur ist. Viele Tausend Menschen auf einmal zu aktivieren, erfordert Konsens. Und Konsens erfordert hin und wieder Phrasen. Zugegeben: Molkos Scherze sind bestenfalls durchschnittlich, seine Ansagen in Landessprache ein alter Hut, aber irgendwie noch genauso niedlich wie vor Jahren. Und die Schlusslichter »Song To Say Goodbye« und »The Bitter End« leuchten hell wie eh und je von ihren Zaunpfählen. Selbstverständlich bleibt man auch nach dem zigsten Winke-winke stur stehen. Zugabe-Rufe? Denkste! Aber wer so arg abliefert, muss sich nicht wundern. In diesem Sinne: Auf die nächsten 20 Jahre, Drummer, was auch immer. Es wird schon irgendwie gehen.