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Deine Angst und meine auch

Wanda im Gespräch

Die Wiener Boys Wanda schmusen sich mit schmachtender Gitarrenmusik seit 2014 bedingungslos in die Herzen ihrer Fans und Kritiker. Auf Album Nummer drei, »Niente«, werden Saufen und Amore nun von Kindheit und Vergänglichkeit abgelöst. Eine herzzerreißende Platte, die trotz vermeintlich melancholischer Rückschau irre hoffnungsvoll und zutiefst positiv ist. Elsa Swanenburg traf Sänger Marco Michael Wanda und Gitarrist Manuel Poppe im Wiener Wurstelprater zum gemeinsamen Erinnern und Angstbekämpfen durch Rausch und Selbstzerstörung. 
Geschrieben am
Kaum zu glauben, dass jedes einzelne Mitglied dieser Band noch lebt. Ernsthaft! Wanda haben sich seit ihrem Wahnsinnsdebüt »Amore« nicht nur Sommer für Sommer um Kopf und Kragen getourt, sie haben sich und ihre Körper dabei an die Belastungsgrenzen getrieben – und darüber hinaus. Alkohol, Drogen, schlaflose Nächte: Klar, das macht Spaß und ist manchmal sogar befriedigend, zum Beispiel, wenn man das Leben kurzweilig als etwas Sinnhaftes begreifen will. Aber so exzessiv und hedonistisch sich die Bandmitglieder seit Jahren selbst zerlegen, so wundersam und wunderschön ist es, dass alle fünf noch auf diesem Planeten weilen.

Es ist ein Montagabend mit Marco Michael Wanda und Manu Poppe. Wir sitzen im Gösser Eck, einem Biergarten im vergnüglichen Teil des Wiener Praters. Links rauschen die Mega-Blitz-Achterbahnzüge an uns vorbei, von rechts tänzelt der Discovery-Revolution-Schatten – das ist ein Freefall-Tower – über die Schaumkronen unserer halbleeren Gläser hinweg. Die Sonne scheint, sie wird bald untergehen.

Ihr habt in den letzten Jahren unglaublich viel erlebt. Wie verarbeiten eure Hirne das überhaupt?
Marco: Die Rückspiegel sind abmontiert. Zurückschauen geht nicht.

Aber muss man ja, wenn auch nicht bewusst. Der Geist arbeitet schließlich immer – so ganz abmontieren kann man die Rückspiegel nicht, fürchte ich.
Marco: Ich bin nicht so veranlagt, zurückzuschauen.

Meinst du, das ist Veranlagung?
Marco: Ich glaube schon, ja. Ich sitz sehr fest im Sattel. Mich hat kein Schritt unserer Karriere überrascht. Das ist wie am Reißbrett: immer dasselbe. Man wird berühmt, dann passiert viel, dann geht’s wieder bergab. Immer dasselbe Spiel. Mich überrascht nichts.

Wann ging es bei euch denn mal bergab?
Marco: Gute Frage. Ausgebrannt sein, das gibt’s sicher schon mal bei uns. Weil das alles einfach viel ist, vor allem viel Arbeit. Aber physisch, nicht geistig.
Manu: Ich zum Beispiel weiß, dass ich ungefähr 56 Jahre alt werde – und mit 53 anfange, zurückzuschauen. Das geht sich genau aus. Aber nicht jetzt, nicht mit 31.
Marco: Ich bin nicht einer dieser Musiker, die voller Demut angetreten sind, um jeden anzulügen, indem er sagt, er glaubt, dass in zwei Monaten alles wieder vorbei sein wird. Das glaube ich nicht. Ich bin voller Hoffnung und Gewissheit.

Mit so einer Haltung kann man schnell auch wie ein überhebliches Arschloch wirken.
Marco: Wenn ich für jemanden ein Arschloch bin und es ihn unterhält: super. Dann hab ich alles richtig gemacht. Ich werfe keine Flaschen auf unsere Fans wie die scheiß HipHopper. Wir sind ja eigentlich nette Menschen, in Wahrheit.
Manu: Simma aber wirklich!
Marco: Ja, wirklich!
Bild: Nick Helderman
Wanda und die Wahrheit – ein kompliziertes Thema. Marco scheint sich als Subjekt auf zweiter Ebene selbst erschaffen zu haben: Spricht man mit ihm, antwortet meist ein anderes Ich. Eines, das in Interviews wie in den Boxring einsteigt. Die Medien als Gegner. Ärmel hochkrempeln und mit trockenem Witz und schrägen Äußerungen Unruhe stiften. Das Interview: die Flucht nach vorn, um bloß nicht zu viel Persönliches preiszugeben. »Siegessicher« nennt er sich. Siegessicher sei er, wenn es um den Fortbestand des eigenen Erfolgs gehe. Läuft doch die ganze Zeit schon gut, wird auch weiterhin so laufen. Ausverkaufte Tourneen, hohe Chartsplatzierungen mit »Amore«, noch höhere mit dem Nachfolge-Werk »Bussi«. Kein Wunder, dass diese Band in jeder Sekunde von sich selbst überzeugt ist. Sie darf und sollte das. Wären Wanda nicht Wanda, man hätte sie längst in einer goldenen Vitrine neben all den anderen rigoros aufpolierten Gewinnertypen zur Schau zu stellen versucht. Die Verlierer würden sicher nicht schlecht staunen: all die Nörgler und Kritiker, Checker und Urteilsheuristen.   

Sobald Marco den Kämpfer mimt, tritt jegliche Form von Vergangenheit außer Kraft. Referenzen, Rückbezüge, Empfindungen, die eigene Meinung: Alles scheint nie da gewesen. »Weiß ich nicht«, »vielleicht« und »das treibt mich nicht um« als Pauschalantworten. Sein alternatives Ich wird zum Subjekt, das sich als die von jeder Vergangenheit unabhängige Zukunft konstituiert. Eine Zukunft, die in keiner Weise von der Vergangenheit bestimmt ist. Blöd nur, dass das neue Album »Niente« haufenweise Vergangenes verhandelt. Erinnerungen an die Kindheit, verblasste Gefühle, verlebte Sommer. Ist das alles Literatur und hat wirklich rein gar nichts mit seinen Erschaffern gemein? Wir bestellen mehr Bier. Der Wind weht zarte Zigarettenasche über die Gartentische. Das Tageslicht schwindet.
Marco: Ich bin mir meiner selbst genauso sicher wie mit fünf Jahren. In der Pubertät soll man sich angeblich voll verändern. Das ist bei mir aber einfach nicht passiert. 

Was bedeutet das?

Marco: Ich liebe mich noch auf dieselbe Weise. Wenn überhaupt, hat sich dieses Empfinden zu mir vertieft. Ich bin aber auch genauso unzufrieden mit mir wie vor Jahren.

Was macht dich unzufrieden?

Marco: Mein Gott, da fällt mir nix ein gerade. Es ist nicht so, als würde mich diese Frage umtreiben.

Aber mich treibt sie um, deshalb frage ich dich das.

Marco: Was natürlich mit dem Erfolg kam, war, dass man sich ständig auf einem Level der Schuld wiederfand.

Hast du ein konkretes Beispiel?
Marco: Da ruft ein alter Freund an, aber den kann man nicht treffen, dann ruft er noch mal an, und irgendwann ruft er nimmer an. Man wär gern für alle available. Aber solche Dinge brechen sich natürlich ein bisschen mit so einem großen Erfolg, klar.
Manu: Es tut weh, wenn dir jemand sagt: Ich hab das Gefühl, dass wir uns aus den Augen verlieren. Man denkt zwar an diese Person, aber das geht sich oft nicht aus, dass es sich ergibt und man sich sieht. 

Wie gehst du damit um?

Manu: Ich versuche, die Person doch noch irgendwie zu treffen. Aber es tut einfach weh.

Wir schauen uns an. Betroffen, wahrhaftig. In den Gassen des Praters zerren aufgekratzte Kinder an den Armen ihrer Väter, sie wollen alles und sofort. Zuckerwatte, Autoscooter, Grottenbahn. Der Himmel verdunkelt sich. Überall bunte Lichter, überall aufgewühlte Herzen. 

Marco: Man wird schon irgendwas lernen dabei.
Manu: Aber nur, weil’s wehtut, kann man’s ja nicht ändern. Man hat diese Person ja länger nicht gesehen, weil die Umstände es schwer machen, und nicht, weil man kein Interesse mehr an der Freundschaft hat.  Marco: Magst du noch so was Ehrliches hören? 

Sag.
Marco: Unlängst haben wir drüber geredet ... Ich bin gerade erst umgezogen. Und alle drei Tage kam meine Mutter mit irgendwelchen Vorhängen und Stühlen und anderem Stuff an, aber ich wusste genau, dass es ihr gar nicht darum ging, mir bei der Wohnung zu helfen. Sie wollte mich einfach sehen. Aber ich war nie da.

Das stimmt mich traurig.

Marco: So was tut fucking weh. Das sind die Schattenseiten des Erfolgs. Wenn man mal auf Drugs abstürzt und voll im Arsch ist, das ist ja keine Schattenseite, sondern geil und Luxus. 

Und macht Spaß.

Marco: Das macht Spaß, ja. In dieser Kaputtheit kann man sich suhlen. Aber wenn das Zwischenmenschliche leidet, das tut weh. Das ist viel schlimmer als alles andere.

Wir erinnern uns an früher. Manu erzählt, wie er als kleiner Bub zum ersten Mal im Prater war. Marco, wie man mit der Schule regelmäßig Ausflüge dorthin unternahm. Und ich, wie mein schüchterner Vater mich vor einigen Wochen vorsichtig um ein Wanda-Autogramm bat, weil wir sie kürzlich erst gemeinsam bei einem Konzert gesehen hatten. Die beiden sind von der kleinen Anekdote sichtlich ergriffen, stellen Fragen, hören zu, ihre Herzen sind weit geöffnet – vorm inneren Auge scheinen sich alte, ganz eigene, liebevoll konservierte Kindheitsfilme abzuspielen. Irgendwann werden unsere Eltern nicht mehr unter uns sein. Marco greift zu Zettel und Stift und hinterlässt meinem Vater eine Notiz.

Habt ihr Angst vorm Sterben?
Manu: Weniger, weil Zeit eine Erfindung ist.

Nun, das, wie wir Zeit messen, ist eine Erfindung. Zeit als solche gibt es ja schon. 
Manu: Hm, ja. Ich glaube, man muss das Leben einfach laufen lassen. 

Wie macht man das, ohne verrückt zu werden?
Manu: Stell dir vor, ein Familienmitglied wird bald sterben. Du hast immer weniger Zeit, es zu treffen. Dann kannst du versuchen, es jeden Tag zu sehen, bis es stirbt. Aber wenn es gestorben ist, wird es sich immer so anfühlen, als ob du es hättest öfter sehen können.
  
Und inwiefern ist es dabei dann hilfreich, es »einfach laufen zu lassen«?
Manu: Wenn man es laufen lässt, kann man mit dem Zeitdruck Frieden schließen.

Und der eigene Tod, macht der Angst?

Marco: Ich glaube nicht, dass man von Menschen in unserem Alter überhaupt verlangen kann, dass sie, wenn sie morgen sterben, mit ruhigem Gewissen ins Grab gehen, oder?

Das denke ich auch. Der baldige Tod wäre für jeden von uns sicher zu früh, weil wir noch so viel wollen.

Marco: Das wär ein viel zu früher clean cut. Etwas, vor dem ich viel zu viel Respekt hab. Und etwas, das auch nicht der Anspruch sein kann.

Trotzdem wissen wir aber, dass wir endlich sind.

Marco: Der Tod ist eine ständige Bedrohung, aber ihn ständig wahrzunehmen würde für mich eher für eine Depression sprechen als für etwas Philosophisches.

Du besingst ihn oft in euren Songs.

Marco: Aber nicht, weil er mich dauernd beschäftigt. Mich beschäftigt wenig.

Ich meine das Gegenteil: Vielleicht singst du nicht über den Tod, weil er dich beschäftigt, sondern fängst an, dich mit ihm zu beschäftigen, sobald du über ihn singst. 

Marco: Nein, eigentlich nicht. 
Manu: Ich sag dir was. Wenn ein Konzert zu Ende und der letzte Ton gespielt ist, wenn man merkt, dass es aus ist – das ist 'ne urgute Übung, um mit der Vergänglichkeit klarzukommen.

Da findet also doch eine gewisse Verarbeitung statt.

Marco: Aber wir verarbeiten das ja gar nicht.

Manu ja scheinbar schon. Du vielleicht nicht.
 

Marco: Aber er lügt!
Manu: Nein, ich sage die Wahrheit.
Marco: Wir wollen um jeden Preis leben.
Manu: Das Verarbeiten kommt irgendwann.

Wenn ihr das Gefühl nach Konzerten nicht als Verarbeitungsmoment betrachtet, scheint sich dieses Gefühl aber dennoch ein Stück weit an der unmittelbaren Vergangenheit zu orientieren.

Manu: Ich sag dir ‘ne Wahrheit. Weißt du, was zur Verarbeitung wichtig ist?
Sag.
Manu: Nicht kiffen. Vorm Einschlafen nicht kiffen! 
Was?
Manu: Ja. Wenn du vorm Einschlafen kiffst, setzt die Tiefschlafphase nicht ein. Und die ist wichtig, um Dinge zu verarbeiten. Wenn man die nicht hat, ist man geliefert.
Unsere Augen sind wach, die Oberkörper nach vorn gelehnt. Wir stützen uns mit den Ellbogen auf der Tischkante ab und starren einander an, so, als würden wir im Kollektiv auf eine erlösende Antwort zu einer mächtigen Frage warten, die gar niemand gestellt hat. Wir trinken noch mehr Bier. Die schleichende Dämmerung lässt den Himmel in tiefem Azur erstrahlen. Die blaue Stunde beginnt. Wir ziehen los.

Der Prater: eine Heterotopie, wie Michel Foucault sie sich nicht schöner hätte erträumen können. Ein unwirklicher Ort – verstörend und verstörend schön zugleich – mit Regeln, die so eigen sind, dass man sich permanent den Schlaf von den trägen Lidern reiben will, bis man bemerkt, dass man eigentlich klar sieht: die gut betuchte Kleinfamilie, die in Ralph-Lauren-Polohemdchen uniformiert durch die Gassen des Vergnügungsviertels stolziert. Die zwei düsteren Typen, die am Spielautomaten randalieren. Der Junkie, der mit durchgeweichtem Pappbecher um Münzen bettelt. Die Ghettoboys, die ihre Mädchen fest im Arm halten und sicher Puppen nennen. Und wir, betrunken und schrecklich übermütig. Die Fahrgeschäfte leuchten, wir halten immer wieder an, damit der Fotograf Marco und Manu in der unwirklich schönen, kindlichen Szenerie drapieren kann. Wildwasserbahn und Würstchenbude. Achterbahn und Adrenalin. An jeder Ecke stehen sich Angst und Mut gegenüber und fletschen die Zähne.

»Komm, wir gehen auf die Black Mamba«, sagt Manu. Wir kichern, ziehen unsere Jacken aus und laufen aufgeregt zum Tickethäuschen. Neben uns: ein tschechisches Pärchen – er im Tanktop, sie bauchfrei –, beide in etwa so alt wie wir. Mit schmerzerfüllten Gesichtern starren sie das schlangenähnliche Riesen-Pendel hinauf, das uns bald mit 80 Stundenkilometern völlig unkontrolliert kopfüber durch die Wiener Nacht schleudern wird. »Das macht irre Spaß«, versichert Manu, »versprochen!« Sie zögern. Er besticht sie. Sie schmunzeln und kommen mit.
 
»Hast du Angst?« fragt er.
»Nein«, sage ich.
»Sicher?«
»Nein?«
»Also schon a bissel.«
»Vielleicht.«
»Hab keine Angst! Ich halte deine Hand.«